Tagesstrandgut

Nachts und Tags
fließe und träume ich
bin zeitlos

am Meeresboden
tief verborgen
die Hinterlassenschaft einer Nacht
ein Reichtum ohne Grenzen
Ich!

Hell erleuchtet
In der Dunkel,- und Vergangenheit
Wieso vergangen?
Spuren suchen, Festgehalten  nur ertragen weil es vergangen war.
Zeit ohne dich? Wie kann das sein?
In deinem Orchestergraben Stille.

 

 

Sie
Nach dem 1. Aufwachen in meinem Zimmer auf Zeit stehe ich auf und laufe hinunter zum Meer. Durch die Dünen und über die Treppe. Am Strand angekommen sehe ich es. Es ist unwirklich und schön, grausam, gewalttätig, es kommt mir unendlich wütend vor. Ich laufe über jenen Teil des Meeres, der sich nach der Ebbe preisgibt. Meeresboden. Meeresbett. Es gibt so viel zu entdecken. In einer Algenformation meine ich einen stehenden Indianer zu erkennen. Er hält etwas in seiner Hand. Ich laufe weiter. Das Meeresorchester begleitet meine suchenden, beschwingten Füße, mein Geist tönt im Takt. Hier zeigt sich mir das Meer in seiner ganzen Intimität. Was die Flut an das Land getrieben hat, wird zum Ausgesonderten. Bleibt zurück. Völlig ungeniert betrachte ich die Arbeit dieser letzen Nacht. Darf ich das? Ich werde zur Voyeurin. Ich laufe und laufe und betrachte das Treibgut. Die Ränder des Treibguts sind die Zusammenfassung, sie sind wie mit Badewannenschaum umflutet. Madame hat gebadet. Es muss ein Glücksspiel sein, wer zurückbleibt und wen die Ebbe hinaus ins Meer treibt. Ich finde Flaschen gefüllt mit Flüssigkeiten. Ein ausgedientes Marmeladenglas fällt mir auf. Es liegt am Boden. Und lange genug, denn die Flüssigkeit ist am Grund zur Ruhe gekommen. Sepiafarbener Grund. Mit meinem Fuß stoße ich das Glas an. Beim Rollen zeigt sich seine wahre Farbe. Blutrot. Erschrocken ziehe ich meinen Fuß zurück. Willkürlich bücke ich mich und umschließe den Drehverschluss mit meinen Händen. Ich stocke. Nein, so weit muss mein Forschergeist nicht gehen.

Er
Ein tiefschwarzer Kaffee würde mir guttun. Aber die Dose im Regal ist leer. Die Bremsflüssigkeit auf dem Tisch schaut mich böse an. Aber ich nehme mir mein Fernglas zum Zeitvertreib und bleibe an einem Dünenaufgang hängen.
Ein schwarzgekleideter Punkt kommt über den Weg durch die Dünen zum Strand hin. Am Fuß der Treppe bleibt er stehen, guckt nach links, dann nach rechts. Ich nehme einen leichten Drang nach links wahr, der durch den Körper läuft. Und richtig, der Punkt geht nach links. Nach einigen Versuchen, auf dem nassen Sand zu laufen, versucht der Punkt den trockenen Teil. Auf dem festen Sand ist das Gangbild gleich sicherer. Ich meine zu erkennen, dass hier eine Frau am Strand spazieren geht. Ihr Interesse gilt dem Treibgut. Mit den Füßen scheint sie einzelne Fundstücke zu berühren. Einmal, da bückt sie sich und es sieht so aus, als halte sie etwas ins Licht. Sie bewegt sich immer wieder an der aufgeschäumten Umrandung entlang. Madame hat beim Baden viel Schaum aufgeschlagen. Ihr Blick schweift  vom Meer zum Horizont hin. Die Schultern sind hochgezogen. Ob sie friert? Mein schwarzer Punkt. Gerne würde ich zu ihr hingehen und ihr meinen Mantel geben.

Sie
Ich ziehe meinen Kopf wie ein Murmeltier ein und laufe weiter in Richtung Süden. Das Meer tost mir Applaus. Über mir kreisen Möwen. In weiter Ferne kann ich eine Familie erkennen. Sie bewegen sich auf das Meer zu und plötzlich sind sie verschwunden. Die nächste Flasche, die mich zum Anhalten bringt, enthält eine weiße gallertartige Masse. Unbeweglicher als das Blut. Jetzt ekele ich mich wirklich. Mein Fuß stößt die Flasche an. Vielleicht ist es Ponal? Dieser Gedanke beruhigt mich. Aber was macht ein Klebstoff im Meeresbett? Vielleicht den Bettrahmen leimen? Unter meinen Füßen ist das Bett mal fester, mal versinke ich im umspülten Sand. Unsicher und unruhig schaue ich auf das Meer. Ich hoffe, das Meer hat es sich nicht anders überlegt und kommt eher zurück, um mich zu greifen, mit in sein Bett. Ich laufe schneller, möchte zurück in mein Bett. Auch dort habe ich Spuren hinterlassen. Meine Tränen haben schwarze vogelartige Fußspuren in das weiße Laken sickern lassen. Haare haben sich vom Kopf gelöst und wurden abgestoßen. In meinen Träumen habe ich geschrien. Die Ebbe hat mich am Morgen aufgeweckt. Ich selber bin Tagesstrandgut. Sichtbar Verborgenes schont mich nicht. Am Abend holt mich die Flut. Ich bleib dabei.

Er
Hinter meinen Gläsern ist die Szene so nah, dass ich meine, ihren Duft wahrzunehmen. Ich würde ihr die schönsten Güter dieser Nacht zeigen und sie anschießend zu einem Tee einladen. Aber ich muss ihr wie ein Indianer erscheinen. Komisch, mit meiner Bremsflüssigkeit in der Hand.  Kennt sie die Gezeiten? Das Meer ist heute so unwirklich schön, gewalttätig, wütend, einsam voller Bewegung und Kraft. Ja, das Meer ist grausam, es reißt mit, was nicht fest verankert ist, und trägt es fort. Dieses aber findet irgendwann woanders Verankerung oder wird aufgesammelt. Zieht sie deshalb die Schultern hoch, hat Angst vor dem Meer und sucht Halt auf dem festeren Teil der Dünen, dem Dünenaufgang? Gestern sind mit dem Zug neue Touristen eingetroffen. Sicher war sie dabei. Hat sie einen langen Weg hinter sich? Sie scheint im Hotel untergekommen zu sein. Der Weg von den Dünen führt direkt zum Hotel oder zum Meer. Gerade so, welches Ziel man hat. Sie läuft am nächsten Dünenaufgang vom Strand weg.  Immer wieder dreht sie sich um, als hätte sie Angst vor dem Wasser. Morgen früh, da hätte ich einen Grund, zum Hotel zu gehen. Die Brutstation muss gewartet werden. Wenn ich früh genug eintreffe, sehe ich sie vielleicht beim Frühstücken.

Sie
Auf dem Weg zurück zum Hotel, weit genug entfernt vom Meer, das jetzt hinter den Dünen liegt, werde ich ruhiger. Ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. Heute Morgen nach dem Aufwachen aus meinen Träumen platzten wie kleine Seifenblasen die Erinnerungen in das Bewusstsein, das sofort wieder die Kontrolle über mich übernahm. Ich bin neu angemeldet in der Vorwärtsabteilung. Aber alles fließt zurück, obwohl ich nur noch aus Zukunft bestehen möchte. Ich schreibe auf, um zu bewahren, zu archivieren. Ich möchte das Geschehene vollständig verstehen. Aber ich ertrinke in meinen Gedanken und schwimme mich frei bis zum Horizont, der so gleißend hell ist, dass ich nichts erkennen kann. Wer hat mir das alles zugemutet?  

Er
Jetzt ist der Punkt verschwunden und hat schon an Realität für mich verloren. Durch meine Gläser ist alles so nah und doch so fern. Ich kann Dinge damit nahstellen und was mir nicht gefällt, verschwimmt. Auch ich hatte meinen 1. Tag auf der Insel. Damals gab es Haltlosigkeit. Ein Fenster zu meiner Seele hatte sich geöffnet. Der Schmerz kam herein und zeigte keine Zukunft. Er kam und ging wie die Wellen am Strand. Ich wurde zum Ausgesonderten des Rhythmus. Aber ich blieb dabei. Morgen würde ich sie wiedersehen. Ich werde bestimmt mit ihr sprechen.